Das Aussehen einer Dame in Wien

Auf den ersten Blick wird man gewahr, daß eine Frau, einmal in eine solche Toilette verpanzert wie ein Ritter in seine Rüstung, nicht mehr frei, schwunghaft und grazil sich bewegen konnte, daß jede Bewegung, jede Geste und in weiterer Auswirkung ihr ganzes Gehabe in solchem Kostüm künstlich, unnatürlich, widernatürlich werden mußte.

Aber dieser Unsinn hatte seinen geheimen Sinn. Die Körperlinie einer Frau sollte durch diese Manipulationen so völlig verheimlicht werden, daß selbst der Bräutigam beim Hochzeitsmahl nicht im entferntesten ahnen konnte, ob seine zukünftige Lebensgefährtin gerade oder krumm gewachsen war, füllig oder mager, kurzbeinig oder langbeinig; diese ›moralische‹ Zeit betrachtete es auch keineswegs als unerlaubt, zum Zwecke der Täuschung und zur Anpassung an das allgemeine Schönheitsideal künstliche Verstärkungen des Haars, des Busens oder anderer Körperteile vorzunehmen. Je mehr eine Frau als ›Dame‹ wirken sollte, um so weniger durften ihre natürlichen Formen erkennbar sein; im Grunde diente die Mode mit diesem ihrem absichtlichen Leitsatz doch nur gehorsam der allgemeinen Moraltendenz der Zeit, deren Hauptsorge das Verdecken und Verstecken war.

Olfactory sense as a stimulus for precise recollection. For Anstandsorten, read “loos”, this being a euphemism comparable to the term Bedürfnisanstalt as employed in the second text below.

Plan einer unterirdischen Bedürfnisanstalt für Damen und Herren, 1904
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Die letzte erhalten gebliebene öffentliche Jugendstiltoilette in Wien steht unter Denkmalschutz.

Die Bedürfnisanstalt am Graben wurde vom Architekten Franz Krasny (1865 – 1947) geplant. Er war ein Schüler von Otto Wagner und Carl Hasenauer. Diese erste unterirdische Bedürfnisanstalt in Wien ist nach wie vor in Betrieb. Heute erfreut sie sich auch als Touristenattraktion großer Beliebtheit.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im stetig wachsenden Wien aus hygienischen Gründen öffentliche Toilettenanlagen installiert. Es gab zahlreiche Diskussionen über „Anstandsorte“. 1863 gründete der Gemeinderat eine „Pissoir-Kommission“. Zur Wiener Weltausstellung 1873 wurde ein großer Besucherandrang erwartet. Der Arzt Richard Müller warnt in seiner Druckschrift „Zur Straßenreinigung“, dass Wien den Gästen „das Schauspiel einer schlecht gesäuberten Stadt biete […]“.

1880 suchte der findige Berliner Kaufmann Wilhelm Beetz bei der Verwaltung der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien um Genehmigung für den Bau und Betrieb von „Bedürfniß-Anstalten für Personen beiderlei Geschlechtes“ auf öffentlichen Plätzen an. Zunächst stieß er auf Ablehnung. Aber er verwies darauf, dass in Paris, London, Berlin und weiteren Städten solche Bedürfnisanstalten bereits mit Erfolg von Privatunternehmen betrieben würden. Am 24.07.1883 wurde der Antrag von Wilhelm Beetz bewilligt. Er übersiedelte von Berlin nach Wien und gründete eine Firma, die sich ausschließlich mit der Errichtung und dem Betrieb von öffentlichen Toilettenanlagen in Wien beschäftigte. Beetz errichtete zahlreiche neue Anlagen und übernahm bereits existierende als Betreiber.

Im Technischen Museum Wien befinden sich die Archivalien der Firma Wilhelm Beetz in der Sammlung „Klein- und Sonderbestände zu Firmen“. Sie bieten einen repräsentativen Querschnitt von Unterlagen zur Firmengeschichte der heute noch existierenden Firma Wilhelm Beetz Bauunternehmung GmbH.

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